Wer in den letzten zwei Jahren etwas Zeit mit mir verbracht hat, wird wahrscheinlich mitbekommen haben, dass ich ein sehr intensives Verhältnis zu dem Computerprogramm Anki in Verbindung mit meinem Medizinstudium entwickelt habe.
Anki ist der de facto Standard für das Auswendiglernen von großen Mengen an Fakten. Das Programm ist eine digitale Lernkartei, die einem das Ordnen und Hervorholen einzelner Karten abnimmt. Die wissenschaftliche Basis dafür ist das Prinzip “Spaced Repetition”. Ich will hier gar nicht genauer darauf eingehen, was das ist, denn es existieren einige tolle Texte und Bücher über “Spaced Repetition” und Gedächtnistraining im Allgemeinen. Hier eine (unvollständige) Liste mit empfehlenswerten Ressourcen:
- Interaktives Comic: Spaced Repetition
- Detaillierter Blogartikel: Spaced Repetition
- Buch: Moonwalking with Einstein
- Artikel: Lerntechniken
- Website: Bundesverband der Medizinstudierenden
Während der letzten zwei Jahre war Anki mein primäres Lernwerkzeug für das Medizinstudium. Andere Quellen wie Vorlesungen oder Fachbücher habe ich nur rudimentär genutzt. Das funktioniert besonders gut, da das Medizinstudium anders ist als zum Beispiel mein voriges Informatikstudium. Erstens, basiert es primär auf dem Auswendiglernen von Fakten. Fast alle Prüfungen sind Multiple-Choice-Klausuren, in denen zum Teil obskure Details von irgendwelchen Stoffwechselwegen abgefragt werden. Natürlich hilft ein grundlegendes Verständnis von Prinzipien, aber teilweise ist es definitiv stumpfes Auswendiglernen. Zweitens sind die Inhalte des Studiums durch das nationale Staatsexamen sehr standardisiert und weitestgehend stabil. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass Medizin eine der ältesten Wissenschaften ist. Es bietet sich sehr an, auf bestehende Lerninhalte zu setzen und sich nicht mit schlechten Folien oder selbsterstellten Zusammenfassungen rumzuschlagen. In meinem konkreten Fall bedeutet dies, dass ich fast ausschließlich mit dem bereits existierenden Vorklinik-Deck Ankiphil gearbeitet habe.
Mein Lernworkflow
Für mich war von Anfang an klar, dass ich versuchen möchte möglichst effizient zu lernen, um so noch genügend Zeit und Energie für Dinge außerhalb des Studiums zu haben. Mit der Kombination aus dem bestehenden Ankiphil Deck und Anki kann ich den Lernaufwand minimieren, da ich
- auf existierende Inhalte setze,
- mir nicht die Fragen stellen muss, wann ich was lerne/wiederhole,
- es Spaced Repetition mir ermöglicht Inhalte langfristig für das 1. Staatsexamen zu lernen.
Das Ankiphil-Deck ist sehr umfangreich und deckt die gesamte Vorklinik ab. Die Qualität der Karten in Ankiphil ist deutlich besser als fast alle uni- und fachspezifischen Decks, die in irgendwelchen Gruppen rumfliegen.
Meiner Erfahrung nach reicht Ankiphil für fast alle Klausuren und mündlichen Testate in der Vorklinik. Es kommt immer wieder vor, dass Dozierende einem erzählen, dass man doch unbedingt ihre Folien verwenden oder ihre Vorlesung besuchen sollte. Ich halte das für nicht notwendig und oftmals schlecht investierte Zeit, wenn es um maximale Lerneffizienz geht. Zusätzlich zu Anki habe ich noch gekreuzt (IMPP- plus Altfragen).
Ein paar Worte zu meinem konkreten Lernworkflow: Ganz am Anfang habe ich alle Karten deaktiviert. Je nach Thema und Fach schalte ich nach und nach die entsprechenden Karten frei. In fast allen Fällen versuche ich nur so viel Karten zu aktivieren wie ich auch an diesem Tag lernen möchte. Deswegen setze ich auch mein neues Kartenlimit sehr hoch (> 100). Das Heraussuchen und Aktivieren der passenden Karten erfordert manchmal etwas Geduld, aber mit dem Kartenbrowser am Laptop ist das relativ gut möglich. Um die volle Power von Anki zu nutzen ist ein Laptop notwendig, denn viele Einstellungen sind in den Apps (egal ob iOS oder Android), nicht möglich.
Oftmals habe ich Inhalte direkt mit Anki gelernt ohne vorher Folien oder Bücher zu lesen. Nur wenn ich eine Karte gar nicht verstehe, lese ich den verlinkten Amboss-Artikel. Zur Erarbeitung eines neuen Themas habe ich mir meist auch ein paar Bildverdeckungen erstellt. Das geht schnell und Bilder finde ich meistens deutlich einprägsamer als reiner Text.
Auch nach den Klausuren habe ich keine Karten wieder ausgeschaltet. Da alle Inhalte für das Physikum relevant sind, wollte ich sie nicht gleich wieder “vergessen” sondern bestenfalls in mein Langzeitgedächtnis befördern. Die Anzahl der anstehenden Wiederholungen wird dadurch natürlich teilweise recht hoch, mehr dazu in der statistischen Auswertung weiter unten.
Lerneinstellungen
Die wichtigste Einstellung in Anki ist FSRS zu benutzen. Dieser relativ neue Spaced-Repetition-Algorithmus ist effizienter als vorige Algorithmen. FSRS hat einen zentralen Parameter, nämlich die Wahrscheinlichkeit sich an eine gezeigte Karte zu erinnern (Standardwert 90%). Der Algorithmus passt kartenspezifische Parameter basierend auf den eigenen Antworten an, damit dieser Zielwert über alle Karten getroffen wird.
Für mein Medizinstudium habe ich mich dafür entschieden den Wert auf 85% einzustellen. So bekomme ich deutlich weniger Wiederholungen und habe bisher trotzdem noch gut bestanden. Wichtig ist die FSRS Parameter in regelmäßigen Abständen zu optimieren.
Weitere von mir gesetzte Einstellungen:
- New cards/day: 100
- Maximum reviews/day: 1000 -> Ich versuche jeden Tag alle Reviews zu machen.
- New card sort order: Random note, then card type -> Ich will alle Karten einer Notiz zusammen lernen, da sie thematisch zusammen gehören.
- New/review oder: Show after reviews -> Ich mache zuerst immer alle Wiederholungen bevor ich neue Inhalte lernen möchte.
- FSRS, Desired retention: 85% -> mein persönlicher Zielwert
Add-Ons
Besonders schön an Anki ist, dass es ein freies Softwareprojekt ist. Es wird von einer Community entwickelt und der Quellcode liegt offen. Außerdem existiert eine Vielzahl von Erweiterungen, die in der Desktop-Version leicht zu installieren sind. Viele Features die jetzt standardmäßig Teil von Anki sind (wie Image Occlusions) waren mal Add-Ons. Persönlich nutze ich vor allem:
Statistiken
Ein tolles Feature von Anki ist, dass es eine detaillierte statistische Auswertung der eigenen Lernaktivität bietet.
Der gesamte Inhalt meiner medizinischen Decks (Ankiphil + Selbsterstellt) beläuft sich auf circa. 16000 aktive Karten.

Ich habe an 95% aller Tagen seit Beginn des Medizinstudiums mit Anki gelernt, im Durchschnitt 92 Minuten pro Lerntag.

Morgen muss ich 430 Karten wiederholen, uff.

Mein Zielwert von 85% Erinnerungsquote wird sehr gut getroffen. Aktuell liege ich sogar etwas darüber.

Erfahrungen & Hacks
- Es ist ein tolles Gefühl “fertig” zu sein. Einer der großen Vorteile von Anki ist, dass man alle Stapel abarbeiten kann und so genau weiß was man gemacht hat. Es gibt jeden Tag ein klares Ziel.
- Image Occlusions (Bildverdeckungen) machen Spaß, sind sehr schnell erstellt und bringen einen guten Lerneffekt, vor allem in Anatomie.
- Es ist kein Problem Karten/Inhalte mehrfach zu erstellen, z.B. mittels Bildverdeckungen. Dadurch dass mit FSRS Karten sehr schnell “altern”, werden Duplikate, die man schon kann, einfach sehr weit in der Zukunft gescheduled.
- Irgendwann war ich etwas mitgenommen von dem ganzen Sitzen beim Lernen und habe angefangen mit Ankis auf einem Hometrainer zu experimentieren. Dazu hilft ein Controller. So mache ich meistens die Wiederholung meiner selbsterstellten Image Occlusions auf einem Hometrainer. Mir geht es dabei nicht darum irgendeine Form von Workout mit dem Lernen zu kombinieren, sondern viel mehr ist meine Absicht weniger still sitzen zu müssen. Inzwischen finde ich die 30-60 Minuten auf dem Hometrainer an einem Lerntag eine willkommene Abwechslung.
- In den USA ist Anki für das Medizinstudium schon seit längerer Zeit der absolute Standard. Hier kann man sich gut Inspiration zu allen möglichen Fragestellungen suchen.
Pain Points
Neben den vielen Vorteilen des Lernens mit Anki gibt es auch Nachteile.
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Manchmal kommt mir mein Wissen sehr bruchstückhaft vor. Die Details, die in Ankiphil enthalten sind, kann ich mit großer Wahrscheinlichkeit reproduzieren. Alles was darüber hinaus geht: eher nicht. Natürlich könnte ich mir noch weitere Inhalte erarbeiten, doch ich will meinen Aufwand ja niedrig halten. Vielleicht wäre es manchmal auch sinnvoller sich das große ganze zu Erarbeiten statt mich in den anstehenden Wiederholungen zu verlieren.
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Anki basiert sehr auf regelmäßigem, im besten Fall täglichem, Lernen. Die Wiederholungen fallen immer an, egal ob Weihnachten, der Tag einer Klausur oder Urlaub. Es kann sehr demotivierend sein, wenn nach 3 Tagen Pause ein Stapel von 800+ Wiederholungen ansteht. Hier kann man begrenzt Abhilfe schaffen, indem man z.B. vorlernt. Dennoch bleibt es dabei, dass Spaced Repetition keinen Urlaub kennt. Eine gewisse Konstanz muss gegeben sein, damit das Konzept aufgeht.
Verbesserungsvorschläge
Manchmal merke ich, dass ich zu faul bin Themen richtig zu verstehen und stattdessen versuche einfach meine anstehenden Ankis abzuarbeiten. Dabei würde mir ein besseres Verständnis langfristig mehr bringen. Da ich aber jeden Tag 2-3 Stunden mit Wiederholungen verbringe, habe ich in dem Moment dann keine Motivation Inhalte in der Tiefe zu verstehen.
Spezifisch zum Ankiphil-Deck gibt es einige Punkte, die das Deck besser machen würden:
- Bildverdeckungen sind für alle Themen hilfreich, nicht nur für Anatomie. Ich habe mir z.B. aus Amboss-Abbildungen zur Hormonregulation eigene Karten erstellt. Vor allem zum Einstieg in neue Themen sind Bildverdeckungen zur Übersicht sehr gut geeignet.
- Ideal wäre ein zusätzlicher Tag, der die basalen Karten zu einem Thema kennzeichnet. Wenn ich ein neues Thema lernen will, möchte ich zuerst die einfach Karten machen und dann in einem zweiten Schritt die Details lernen. Ich habe das oft so gehandhabt, dass ich manuell die komplizierten Karten erstmal wieder deaktiviert habe.
- Teilweise merke ich mir die Inhalte der Karten nicht basierend auf Wissen, sondern anhand der Position von Lücken im Text oder dem Aussehen der Karte. Das menschliche Gedächtnis ist topographisch sehr stark, doch hat man damit den Inhalt leider nicht wirklich gelernt, sondern kann ihn nur in dem spezifischen Kontext der Karte reproduzieren. Hier würde es helfen die Karten atomarer zu gestalten, sodass man weniger auf das Aussehen der Karte setzen kann. Außerdem wäre es gut mit Hilfe von Zufallsfunktionen die Reihenfolge von Elementen zu mischen, sodass man zu wirklichem Lernen gezwungen wird.
- Für Biochemie und Chemie wünsche ich mir Karten mit dem Bild von einzelnen Molekülen auf der Vorderseite und der Bezeichnung auf Rückseite. So in der Form von: Was siehst du hier? -> Cholesterin
Physikum
Das Physikum steht im August an. Hier werden die gesamten Inhalte der letzten zwei Jahre geprüft. Meine Vorbereitung für das Physikum sieht bisher so aus:
- Ich mache weiterhin meine Ankis. Inzwischen habe ich fast das gesamte Ankiphil-Deck (minus Termi) freigeschaltet. Täglich fallen circa 400 Wiederholungen an.
- Ich kreuze einen Tag des Amboss 30-Tage Lernplans. Wenn ich merke, dass ich auf einem Thema noch sehr wenig weiß, lese ich punktuell Inhalte nach.
Zeitlich bin ich mit diesen zwei Dingen meistens nach 4-5 Stunden durch. Etwas Bedenken habe ich vor allem hinsichtlich der mündlichen Prüfung, da es hier mehr um die groben Zusammenhänge geht.